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An Stelle eines Nachworts

Da senkte Jahwe Elohim große Müdigkeit über den Menschen, so daß er einschlief, und entnahm ihm eine Rippe und füllte die Stelle mit Fleisch aus. Jahwe Elohim stellte mit der Rippe, die er dem Menschen entnommen hatte, eine Frau her und führte sie vor den Menschen. Da sagte der Mensch: Dieses Mal ist’s Knochen von meinen Knochen und Fleisch von meinem Fleisch. Frau [Ischah], sei sie genannt, denn vom Mann [Isch], ist sie genommen. Um ihretwillen wird der Mann seinen Vater und seine Mutter verlassen und seiner Frau anhaften und ein Fleisch mit ihr sein. Beide aber, der Mensch und seine Frau, waren [WaJiHeJou] nackt [`aRouMiJM], aber sie schämten sich nicht voreinander (Gen 2,18-25v).
Nach allem, was sich über die menschlichen Charaktereigenschaften Gottes herausgestellt hat, mag es nicht allzu erstaunlich sein, daß Gott sich über die Nacktheit des Menschen sowie dessen Schamempfinden besorgt. In einer Gesellschaft, wo die Haut sowohl vor der Sonne als auch den Blicken anderer verborgen wurde , mußte das Paradiesbild von der Nacktheit der Geschlechter wie kaum ein anderes die Phantasie erregen. Doch womöglich war das Aufkitzeln dieser Phantasie nur ein Spiel, um der naheliegenden Lesart des Satzes eine andere unterzuschieben.
Das Wort `aRouM nämlich bedeutet nicht nur nackt, sondern auch listig, gewitzt, klug. Zudem läßt sich das Verb WaJiHeJou wegen der Vorsilbe wa sowohl mit der Vergangenheit (sie waren), als auch mit dem Futur (sie werden) übersetzen, wobei die Vorsilbe in letzterem Fall die Bedeutung der Konjunktion und bzw. aber bekäme. Da auch im zweiten Teil des Satzes das Verb WouSH (sich schämen) unzweifelhaft im Futur steht, deutet alles daraufhin, daß der Erzähler nicht nur von der Vergangenheit der beiden ersten Menschen berichtet, sondern von dem ersten Menschenpaar in die Zukunft des Menschen hinausleuchtet. Die Übersetzung des Satzes würde demnach lauten:
Beide, der Mensch und seine Frau, werden listig [`aRouMiJM] sein und sich nicht schämen (Gen 2,25).
Es läßt sich nicht genau entscheiden, wer diesen Satz spricht. Ob es der Erzähler oder Gott selbst ist. Sicher aber ist, daß Gott Bescheid gewußt und es so gewollt haben muß. Unüberhörbar klingt der Schöpferstolz durch, endlich jemanden nach seinem Bilde vor sich zu haben, jemand der selbst die Initiative übernimmt, der selber Pläne schmiedet und sich nicht vom bloßen Anschein der Worte täuschen läßt. Der Mensch würde jemand sein, mit dem es Gott am Spielbrett der Existenz aushalten würde.
Man könnte diese Ausdeutung als mehr oder weniger sympathisches oder ketzerisches Hirngespinst verlachen, hätte der Erzähler nicht im unmittelbar darauffolgenden Satz das Sprachspiel so fortgeführt, daß jeder unverbildete hebräische Leser oder Hörer aufmerken mußte:
Die Schlange war listiger [`aRouM] als alles Lebendige des Feldes, das Jahwe-Elohim gemacht hatte (Gen 3,1).
Hier wird das gleiche, entscheidende Wort [`aRouM], das in der ganzen Torah nur zweimal vorkommt, noch einmal wiederholt. Und es ist bemerkenswert, wie sich für diesen zweiten Satz sämtliche Übersetzer einig scheinen, jenes eben noch mit nackt übersetzte Wort plötzlich mit listig zu übersetzen, weil es vom Sinn her offensichtlich besser in den Kontext paßt. Dabei gilt gerade die Schlange als das nackte Tier par excellence, gleichwohl sie ihre Haut wechselt, was wiederum den Ruf ihrer irreführenden Hinterlist begründete.
Um den scheinbaren Wechsel der Haut geht es freilich auch bei dem Menschen und seiner Frau, die nach dem Biß von der Frucht der Erkenntnis plötzlich beginnen, sich Kleider zu nähen:
Ihnen beiden gingen die Augen auf und sie erkannten [JeDe`u], daß sie nackt / daß sie klug und durchtrieben [`eJRouMiM] waren, und sie nähten Blätter vom Feigenbaum zusammen und machten sich Röcke (Gen 3,7).
Während die gestandenen Lexikographen sich uneinig sind, ob sie das Wort `eJRouMiM von `aRaM (listig, klug, durchtrieben) oder von `eJRoM (nackt, bloß) ableiten sollen, kann für den aufmerksamen Leser kein Zweifel bestehen, daß hier das Wortspiel vom Anfang weitergetrieben wurde. Ist es nicht ein erstes Zeichen der erwachenden List und Durchtriebenheit, die Nacktheit, für die man sich schämt, zu verhüllen, obwohl man genau weiß, unter der Hülle nackt zu bleiben? Gibt man sich durch die verdeckende Hülle doch den Anschein, etwas anderes zu sein, als man ist. Das Kleid ist gewissermaßen die Maske, hinter der der Mensch beginnt, sich selbst zu spielen und zur Person zu werden.
Die Verstrickung der beiden Bedeutungen von `aRouM - listig und nackt - stellt nicht nur ein simples Wortspiel dar, sondern weist, wie so häufig in der Bibel, auf zwei sich ergänzende Lesarten hin. Mit dem Biß von der Frucht der Erkenntnis gehen dem Menschen die Augen für sich und die Welt auf. Er erkennt seine eigene Bloßheit und Nichtigkeit, worauf er beginnt, sich zu kostümieren, sich Würde und Persönlichkeit zu verleihen, seine Belanglosigkeit zu verschleiern, seine Windhauchigkeit aufzubauschen. Die Erkenntnis der eigenen Nacktheit im Dasein veranlaßt ihn, sich dank seiner Schlauheit nunmehr selbst zu erschaffen, sich in der Fiktion einen Sinn zu verleihen und so über sich selbst hinauszuwachsen. Erst durch die schamlose List der bewußten Selbsttäuschung wird der Mensch zum Menschen, wird der Mensch zu einem selbstverantwortlichen Wesen. Daß er listig und schlau ist, macht seinen Charakter aus und kennzeichnet sein Verhältnis zu Gott. Dank seines durchtriebenen Geistes kniet er nicht bloß unterwürfig vor Gott, sondern sitzt ihm am Spielbrett der eigenen Existenz geradezu lustvoll gegenüber. Die Fiktion verschafft Rettung vor der Erkenntnis, als Feigenblatt schürzt der Mensch sie sich um.

Daß beide, der Mensch und seine Frau, listig sein werden, mag demnach bedeuten, daß nicht die Schlange Adam und Eva verführte, sondern daß der Mensch und seine Frau in herrlich genüßlicher List die Fabel von der Schlange erfanden, um sich und der Menschheit glauben zu machen, daß nicht das Schicksal, sondern sie selbst als freie Wesen die Verantwortung am Sündenfall, am Fall in die Zeit, also am eigenen Dasein tragen.