Die Geburt der Religion aus dem Geist der Literatur

Ein Vorwort von Jan Assmann

 

Wozu haben die Menschen die Schrift erfunden? Um Daten speichern zu können, die keinem menschlichen Gedächtnis einzuprägen sind: Besitzstände, Obligationen, rituelle Abläufe, Jahreszahlen, Herkunftsangaben – die Prosa des Lebens, ohne die nun einmal keine Wirtschaft aufzubauen, keine größeren Menschenmassen zu organisieren und keine Staaten zu errichten sind. Die Poesie dagegen hatte ihren sicheren Platz im Gedächtnis und bedurfte der Schrift nicht. Es dauerte Jahrhunderte, vielleicht Jahrtausende, bis auch die Poesie das Medium der Schrift für sich entdeckte. Das war die Geburtsstunde der Literatur. Im Medium der mündlichen Überlieferung beruhte das kulturelle Gedächtnis der Gesellschaft auf der Sicherungsform der Wiederholung, in den Riten und Festen kollektiver Vergegenwärtigung des Außeralltäglichen; im Medium der Schrift emanzipierte es sich von den Zwängen der Wiederholung und der kollektiven Erwartungen und eröffnete sich dem Neuen und dem Individuum. Das Spezifische der Literatur liegt nicht in der sprachlichen Form, in Reim und Metrum, sprachlicher Schönheit und formaler Abrundung: das alles sind Mittel, deren sich das Gedächtnis zur Stabilisierung der Überlieferung bediente. Das Spezifische der Literatur liegt vielmehr im Innovativen, Individuellen und Emanzipatorischen. Dazu brauchte sie die Schrift: um über das Gegebene hinausgehen und das Individuelle, Nichtkollektive, Unerhörte zur Geltung bringen zu können. Das ist mit Gedächtnis allein und den Sicherungsformen der rituellen Wiederholung nicht zu erreichen. Auch Fiktionalität allein ist noch nicht die Signatur des Literarischen, denn auch die mündlich überlieferten Erzählungen bewegen sich im Raum des Fiktiven. Erst im Medium der Schrift, die dem Fiktiven den Charakter des Objektiven, schwarz auf weiß Festgelegten verleiht, entsteht das spezifisch Literarische der Fiktion. Die Literatur erbt alle Errungenschaften des mündlich organisierten kulturellen Gedächtnisses, das Ästhetische, das Fiktionale, das Außeralltägliche, und geht einen gewaltigen, menschheitsgeschichtlich entscheidenden Schritt darüber hinaus. Das geschieht in den frühen Schriftkulturen Mesopotamiens und Ägyptens um die Wende zum 2. Jahrtausend, also über tausend Jahre nach Erfindung der Schrift. Das babylonische Gilgamesch-Epos und der ägyptische Disput eines Mannes mit seiner Ba-Seele sind epochemachende Vorstöße in den Raum einer Reflexion über Grundfragen des Menschseins, wie sie in dieser Radikalität und Neuartigkeit im Rahmen mündlicher Überlieferung undenkbar gewesen wären. Literatur, überspitzt gesagt, ist Traditionsbruch. Mit wiederum über tausendjähriger Verspätung ziehen Griechenland und Israel nach: Homer und Hesiod im 8./7., die biblischen Autoren nach der mit guten Gründen spätdatierenden Ansicht Hans-Peter Schmidts gar erst im 6.- 4. Jahrhundert v. Chr. Die Literatur ist aus dem Geist der Schrift geboren. Der Geist der Schrift, um das noch einmal deutlich zu machen, ist der Geist der Innovation, des Bruchs, der Emanzipation vom Ritus und den Sicherungsformen der Wiederholung.

Hans-Peter Schmidts fulminante These besagt nun, daß die biblische Religion, also der Monotheismus, aus dem Geist der Literatur geboren ist. Das ist noch einmal etwas ganz anderes und geht weit über die Schrift als solche hinaus. Aber man könnte auch schon auf der niedrigeren Stufe der Schrift einiges dafür geltend machen, daß es eine besondere Beziehung zwischen Monotheismus und Schriftlichkeit einerseits, sowie zwischen „Heidentum“ und Mündlichkeit andererseits gibt. Alle monotheistischen Religionen sind Buchreligionen und ruhen auf einem Kanon heiliger Schriften auf. In den heidnischen Religionen dagegen bilden die Riten und Feste den Mittelpunkt. Diesen Unterschied hat schon der jüdische Historiker Josephus Flavius im 1. Jh. n.Chr. herausgestellt:

Wo wäre demnach eine gleich ehrwürdige Staatsverwaltung zu finden? Wo eine, die mit der Ehrfurcht gegen Gott in schönerem Einklang stände? Wenn alle Schichten des Volkes zur Frömmigkeit erzogen werden, wenn die Pflege der letzteren vornehmlich den Priestern anvertraut ist – sieht das nicht aus, als ob das gesamte öffentliche Leben eine einzige heilige Festfeier wäre? Was die Heiden unter dem Namen Mysterien und Weihen nur in wenigen Tagen begehen, ohne es jedoch dauernd in ihren Herzen bewahren zu können, daran halten wir mit unendlichem Entzücken und unverrückten Sinnes allezeit fest.

Das ist der Geist der Schrift. Er macht die Menschen unabhängig von den Rhythmen der Feste und hält sie ununterbrochen im Bann der von den heiligen Texten ausgehenden Orientierungskraft.

Die Literatur aber bedeutet viel mehr noch als eine Befreiung vom Zyklus der Wiederholungen: sie befreit von der Unmittelbarkeit des Verstehens, ermöglicht unerschöpfliche Relektüren, knüpft vieldeutige Beziehungsnetze durch Querverweise und Subtexte, unterminiert den biederen Wortsinn durch Ironie und Ambivalenz, schafft ebenso Orientierung wie Verunsicherung durch Rätsel und Vieldeutigkeit und bringt Textwelten hervor, die, mit H.-P. Schmidt zu reden, „der Komplexität des menschlichen Daseins gewachsen“ sind. Die Literatur ist ein Medium der Distanzgewinnung und der Selbstbefreiung aus den Zwängen des Gegebenen. Erst die Literatur macht aus einem Medium der Datenspeicherung ein Medium der Emanzipation. Nicht schon das Schreiben an sich, erst das literarische Schreiben hat befreiende Kraft. „Die Literatur“, schreibt Hans-Peter Schmidt, „ist die einzige Möglichkeit, in der Welt auf die Welt herabzuschauen.“ In Gestalt der Literatur hat sich der Mensch oder vielmehr die menschliche Gesellschaft ein Auge eingesetzt, mit dem sie sich selbst beobachten und „die Frage, was und warum der Mensch in der Welt ist, zu einer großartigen Geschichte ausformen“ kann. In gewisser Weise leistet das schon der Mythos, der in den Zyklen der mündlichen Wiederholung lebt. Während aber der Mythos eine Form der Weltmodellierung und Welterklärung darstellt, ist die Literatur eine Form der Weltveränderung, der Erschließung alternativer Welten im Medium der Fiktion.

Genau das, die Erschließung einer alternativen Wirklichkeit, ist auch das Eigentliche des biblischen Monotheismus. Genau wie die Literatur bedeutet der Monotheismus Bruch, nicht Fortsetzung, bedeutet das zur Schrift kommen des Unerhörten, des radikal Neuen und ganz Anderen. Die „großartige Geschichte“, zu der die biblischen Bücher die Frage was und warum der Mensch in der Welt sei, ausformen, ist wohl die grandioseste Fiktion, zu der sich die menschliche Dichtkunst je aufgeschwungen hat: die Geschichte vom Gottesvertrag, der ein regelrechtes politisches Bündnis zwischen einem gesetzgebenden Gott und seinem auserwählten Volk, aber zugleich auch eine Art Ehevertrag zwischen einem eifersüchtig liebenden Gott und seiner Braut Israel ist; der narrative Monotheismus, die Geschichte eines Gottes und eines Volks, ist eine folie à deux und zugleich eine alles umfassende „Weltdichtung“ – von der Schöpfung bis zum Ende der Zeit. Die Wahrheit dieser Geschichte liegt gerade in ihrer Fiktionalität. Der Gott der Bibel ist nicht der „wahre“ Gott, der jenseits aller je von ihm erzählbaren Geschichten und verkündbaren Dogmen verbleibt, sondern ein Bild; dieses Bild ist aber nicht „falsch wie ein Bild nur sein kann“, wie Schönbergs Moses (zu Ende des zweiten Akts der Oper Moses und Aron) verzweifelnd ausruft, sondern wahr, wie ein Bild nur sein kann bzw. wie nur ein Bild sein kann. „Der Gott, der in der Bibel Figur des Buches ist, kann kaum für Gott selbst gehalten werden, aber er ist Ausdruck der Beziehung des Menschen zu seinem Gott, wodurch die Figur zu einem, wenngleich fiktionalen, so doch wirklichen Bild Gottes wird… Die Sprache von Gott spricht nicht von Gott, sondern vom Menschen und im Menschen hervorgerufenen Verhältnis zu Gott.“ Den eigentlichen Sinn des Bilderverbots sieht Hans-Peter Schmidt nicht in dem Verbot „Du sollst dir kein Bild machen“, denn anders als in Bildern ist uns die Wahrheit nicht gegeben, sondern in dem Satz „Du sollst das Bild nicht für die Sache selbst halten“. In seiner Literatur hat sich das jüdische Volk freigeschrieben von seinen Besatzern und Unterdrückern, hat sich herausgeschrieben aus dem ägyptischen Sklavenhaus und hineingeschrieben in das Gesetz, das von aller willkürlichen Unterdrückung von Menschen durch Menschen befreit, indem es einen Raum alternativer Bindung erschließt.

Literatur in diesem Sinne einer befreienden und weltverändernden, neue Räume des ethischen Miteinanders und der individuellen Verwirklichung erschließenden Fiktion hat allerdings nichts mit dem zu tun, was wir seit dem 18. Jahrhundert unter „schöner Literatur“ (belles lettres) im Sinne des Ästhetischen als einer aus allen pragmatischen Lebensbezügen ausgegrenzten autonomen Wertsphäre verstehen. Als ein Instrument der Distanzgewinnung und Emanzipation ist Literatur ein hochverbindliches, normatives Geschäft, nicht erst in Israel, sondern schon in Mesopotamien, Ägypten und Griechenland. Hier werden die Fundamente des Menschseins und der Mitmenschlichkeit gelegt. Diese Texte wollen auswendig gelernt und in Lebensführung umgesetzt werden. Aber was dann in der persischen Provinz Yehud und der seleukidischen und römischen Provinz Judaea mit diesen „Büchern“ (griechisch biblia, Plural) geschieht, ist noch einmal etwas ganz anderes und geht weit über alles hinaus, was Schriftlichkeit und Literatur je zu leisten hatten. Diese Bücher wurden für „tabu“ erklärt (der rabbinische Ausdruck dafür bedeutet wörtlich: sie „verunreinigen die Hände“), nichts durfte hinzugefügt, nichts weggenommen, nichts verändert werden; sie galten nun bis in die Serifen der hebräischen Buchstaben hinein für Gottes Wort, heilige Schrift, geoffenbarte, absolute Wahrheit. Aus Literatur wurde Religion, eine ganz neue Form von Religion, aus dem Bild wurde die Sache selbst, die Fiktion wurde zur eigentlichen, der Welt wie dem Leben zugrunde liegenden Wirklichkeit, die Schrift zur Vorschrift, die auf Erfüllung zielte, im Leben des Einzelnen wie in der Geschichte des Volkes und der Welt.

Der Leser wird in Hans-Peter Schmidts aufregender Studie auf eine reiche Phänomenologie des Literarischen stoßen, wie sie aus den biblischen Büchern zu erheben ist, wobei sich der Autor weitestgehend auf die Torah, die fünf Bücher Moses, als den Kanon des Kanons, den heiligsten und höchst-verbindlichen Kern der Bibel beschränkt. Ich möchte hier nur ein Verfahren hervorheben, dessen Herausarbeitung mich besonders beeindruckt hat: Kürze als ein Präsenz-Phänomen. Präsenz arretiert den lesenden Blick, der sinnverstehend vorwärts drängt, und zwingt zum Wiederlesen. „Die Kunst der Andeutungen“, schreibt Schmidt, „der impliziten Rede und des Verschweigens malt in der Vorstellung dessen, der die Geschichte zum zehnten, zwanzigsten, fünfzigsten Mal hört, die Begebenheit in allen Details aus und vermag sogar eine psychologische Tiefe zu erreichen, die sich in ausformulierten Erzählungen, die man nur einmal überliest und schon verstanden glaubt, nur in den seltensten Fällen eröffnet.“ Kürze, die Technik des pars pro toto, ist auch die Kunst der Abstraktion, die dem Leser/Hörer nicht vorgegeben, sondern von ihm gefordert wird. Er muß im Einzelfall die allgemeine Regel erfassen. Das ist ein spezifisch literarisches Verfahren, das im Rahmen mündlicher Überlieferung vollkommen undenkbar ist.

In dem Maße, wie die neue Form von Schriftreligion an Gestalt und Geltung gewann, verblaßte der literarische Charakter der „Bücher“, die zur „Bibel“ geworden waren. In dem Maße aber, wie der absolute religiöse Autoritätsanspruch der Bibel verblaßte, trat auch der literarische Charakter der Bücher wieder hervor, aus denen sie besteht. Das ist das Großartige der hebräischen wie der christlichen Bibel, daß sie ihren religiösen Geltungsschwund überlebte und als Literatur wieder auferstand. Robert Lowth in England, Johann David Michaelis und Johann Gottfried Herder in Deutschland entdeckten schon im 18. Jh. die Bibel als Literatur und arbeiteten vor allem ihre ästhetischen Qualitäten heraus wie z.B. den Parallelismus membrorum, für den Herder den schönen Begriff „Gedankenreim“ prägte. Wäre die monotheistische Religion nicht aus dem Geist der Literatur geboren, dann hätte sie bei ihrem Verblassen im Zeichen der Aufklärung wohl auch nicht wieder in Literatur übergehen gehen können. Die Kühnheit des 18. Jahrhunderts mit seinem aufklärerischen Elan war allerdings erst dem 20. wieder zugänglich. Aus der theologischen Exegese wurde nun Arbeit am Mythos, die gerade in den finstersten Zeiten einer totalitären und antimonotheistischen Gegenaufklärung, bei Arnold Schönberg, Sigmund Freud und Thomas Mann, ihre großartigsten Werke schuf.

Harold Bloom pries „J“, den Autor oder vielmehr die Autorin der von den Bibelexperten als „J“ identifizierten Traditionsstrangs („der Jahwist“ in der Terminologie der Theologen) als einen anderen Shakespeare. In diese Tradition einer konsequenten Reliterarisierung der Bibel stellt sich auch Hans-Peter Schmidt, aber er scheidet nicht die einzelnen Traditionsströme des „Elohisten“ (E), „Jahwisten“ (J), der „Priesterschrift“ (P) und der „Deuteronomisten“ (D), sondern sieht gerade in der Vier- oder Vielstimmigkeit der überlieferten Texte die Signatur des Literarischen. Aber vielleicht ist ja schon in der Endredaktion der „Bücher“ zum Kanon der „Bibel“ der Charakter des Literarischen aufgehoben worden in der vollkommen neuartigen und allem Literarischen entgegengesetzten Kategorie des heilig-Kanonischen, hoch Normativen und absolut Verbindlichen „Wortes Gottes“, so daß wir erst im Rückgang auf die Quellen den Charakter des Literarischen zurückgewinnen. „Leviticus as Literature“ nannte Mary Douglas das Buch, das sie nicht nur dem Buch Leviticus, sondern darüber hinaus oder dahinter der Schriftschicht „P“ und der ihr eigenen Geistigkeit gewidmet hatte. Die gleiche Untersuchung ließe sich auch für Deuteronomium und die Textschicht „D“ durchführen und Hans-Peter Schmidt hat selbst die literarische Eigenart des Deuteronomiums eindrucksvoll herausgestellt, wo er schreibt: „Das Deuteronomium ist das komplexeste und literarisch am kunstvollsten konstruierte Werk der hebräischen Tradition. Es ist ein Buch im Buch, in dem gesagt wird, daß jemand schreibt, daß er sagt, was jemand sagte und was passierte, nachdem er geschrieben hatte, was gesagt worden war.“ Das eben ist das Erstaunliche: gerade die beiden entschiedensten und überdies noch einander entgegengesetzten Partisanen der neuen Religion, die priesterliche, gewissermaßen „katholische“ Partei „P“ mit ihrer Programmschrift Leviticus und die laientheologische, gewissermaßen „protestantische“ Partei „D“ mit ihrer Programmschrift Deuteronomium bilden die kunstvollsten literarischen Formen aus. Literatur, um das abschließend noch einmal klarzustellen, heißt Fiktion, aber Fiktion heißt nicht Lüge, sondern die nur im Bild faßbare Wahrheit des Göttlichen und des Menschlichen, die jede dogmatische Verabsolutierung nur verfehlen kann. Das Projekt, den biblischen Monotheismus in seine literarischen Ursprünge zurückzuholen, tastet die Wahrheit und Wirklichkeit Gottes nicht an, im Gegenteil: es befreit von der Idolatrie, das Bild für die Sache selbst zu nehmen.

Konstanz, den 22. 12. 2004, Jan Assmann