A.
Vorbemerkung

Seit Jahrhunderten, ja seit Jahrtausenden wird die Bibel für das Wort Gottes gehalten, wird sie als Manifest von Religionen gelesen, wird sie als Hammer der theologischen Wahrheiten geschwungen. Doch als würde befürchtet, einer Verführung des Teufels zu unterliegen, stemmt sich der Glaube gegen jedes Argument, das die Bibel als ein literarisches Meisterwerk verteidigt.
Doch nicht nur Theologen verbarrikadieren sich vor der Idee, die Bibel als literarische Schöpfung anzusehen, auch die Philosophen und Literaturwissenschaftler scheuen sich davor, da es ihnen einerseits wohl unseriös erscheint, sich vom wissenschaftlichen Roß herab mit den Fabeln vom allmächtigen Gott zu beschäftigen, und sie andererseits fürchten, sich vielleicht doch am heißen Eisen des Unglaubens zu verbrennen. Schließlich hofft selbst der größte Atheist noch im Innersten, daß Gott es nicht hört, wenn er lauthals verkündet, daß Gott tot sei oder nie existiert habe.
Bildende Künstler und Schriftsteller hatten es da seit jeher einfacher, insofern ihre kreative Energie viel unumwundener die Skrupel vor den allgemein anerkannten Wahrheiten hinwegfegt. In ihrem eigenen Schöpfungsprozeß erkannten sich Künstler und Schriftsteller seit jeher als verwandt mit den Schöpfern der Bibel und lernten das Buch der Bücher als kunstreiche Kreation des literarischen Geistes schätzen. Von Don Quijote bis Moby Dick, von der Apokalypse bis zur Göttlichen Komödie, von den Brüdern Karamasow bis zum Prozeß kam die Weltliteratur immer wieder auf die biblischen Geschichten und Figuren zurück, wobei sie auf die Verstrickung der Erzählungen und Charaktere oft weit mehr Gewicht als auf die religiösen Doktrinen legte. Kein Buch der Literaturgeschichte wurde mehr als die Bibel zur Inspirationsquelle der Schriftsteller und Künstler aller Zeiten. Was freilich auch damit zusammenhängt, daß keine Romanfigur dankbarer als die des allmächtigen Gottes ist, da, vom Teufel einmal abgesehen, keine andere Figur die Vorstellungskraft so reich beschenkt und die Phantasie auf die Abwege vom eingefahrenen Denken lockt.

Ist es Argument genug, daß tausende Jahre tausende Völker ihre religiöse Erbauung in der Bibel suchten, um dieses Buch nicht auch als ein Buch zu lesen, als ein Stück Weltliteratur, in dem das Wesen des Menschen in seiner Suche nach sich selbst zum Ausdruck kommt? Ist dieses Buch, das wie kein anderes den Lauf der Menschheitsgeschichte prägte, nicht auch ein Zeugnis dafür, wie sich der Mensch im Wort einen Platz in der Welt erschuf? Und wie sich der Mensch in der Fiktion dazu erhob, mehr als bloß ein in die Sinnlosigkeit gezwungenes Substrat zu sein?
Von der Bibel als einem literarischen Werk zu sprechen, bedeutet keineswegs, sie als müßiges L’art pour l’art zu betrachten, sondern Literatur und Fiktion als die ingeniöse Möglichkeit zu erkennen, aus der quälenden Frage, was und warum der Mensch überhaupt ist, eine Reise des erlebenden Denkens zu machen und Antworten zu finden, die trotz aller Vernunft Ja zum Dasein in der Welt sagen lassen. Die biblische Literatur schöpft in der Tiefe ihres sensibel inszenierten Denkens an den gleichen Quellen wie die große Philosophie, nur daß sie, anstatt dieses Wasser durstend zu analysieren, in großen Schlucken davon trinkt. Schicksal, Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstverantwortung sind Kernfragen, an denen sich auch das biblische Weltbild erbaute und die es im literarischen Zusammenhang der Bibel zu erfassen gilt, um dieser grandiosen Dichtung der Menschheitsgeschichte auf ihren Wegen in die menschliche Seele, ins Dasein und in ihre Widersprüche folgen zu können.

Bei dem vorliegenden Versuch, die frühen erzählenden Bücher der hebräischen Bibel als ein literarisches Werk zu lesen, entziehe ich mich weitestgehend den theologischen Ausdeutungen, die der Bibel von jüdischer wie christlicher Seite den Weg durch die beiden letzten Jahrtausende ebneten. Diese Beschränkung des exegetischen Ansatzes beabsichtigt jedoch nicht im mindesten, Kritik an Theologie und Religion zu sein, sondern nimmt sich lediglich die Freiheit, dieses Buch aus der Frühzeit des menschlichen Denkens nicht anders als ein babylonisches Epos, ein ägyptisches Poem oder eine griechischen Tragödie zu lesen und zu interpretieren.
Die spirituellen Erfahrungen, auf denen die biblischen Religionen gleichwohl fußen, werden von dieser literarischen Lektüre des Buches nicht in Abrede gestellt. Der Bibel gilt durchweg mein höchster Respekt und so auch dem Glauben, auf den der Mensch zur Rettung vor der eigenen Vernunft verfiel. Daß einige meiner Darlegungen trotz allem die Pietät manch eines Gläubigen herzlos berühren mögen, muß ich unentschuldbar auf mich nehmen.